14. Juli 2021

Es ist Mittwoch. Es regnet. Und das seit Tagen. Hört es eigentlich nochmal auf? Ich mache früher Feierabend, um ein paar Überstunden abzubauen. Im strömenden Regen setze ich mich in Bonn ins Auto und trete den Heimweg an. Seltsam. In der Heerstraße läuft das Wasser nicht mehr ab. Mitten im Bonner Zentrum. Das habe ich noch nie gesehen.

In Bad Bodendorf angekommen, parke ich mein Auto in der Tiefgarage. In der Bäderstraße ist es ruhig und kaum ein Mensch ist auf der Straße zu sehen. Es regnet.

Auf dem Weg zu meiner Wohnung lese ich an der Eingangstür, dass mit Hochwasser der Ahr zu rechnen ist. Die Keller sollen vorsorglich geräumt werden. Ich denke an den Vorraum zum Schutz vor Hochwasser. Und ich bin der Meinung, dass dieser ausreichen wird. Ein kurzes Gespräch mit meinem Nachbarn bestätigt meine Vermutung. Das Hochwasser 2016 hat den Keller ja auch nicht geflutet.

Wenig später klingelt mein Handy. Es ist mit Hochwasser zu rechnen und die Stadt Sinzig stellt Sandsäcke zum Schutz der Keller zur Verfügung. Treffpunkt: Thermalbad Bad Bodendorf. „Ja, ich komme gleich. Ich hole noch schnell ein paar Sachen aus dem Keller hoch und ziehe mir meine Arbeitsklamotten an.“

Nachdem das Rennrad und andere Dinge ihren Weg in die Wohnung gefunden haben, begebe ich mich mit dem Auto zum Treffpunkt. Ein anderer Nachbar hat mir schließlich empfohlen, das Auto aus der Tiefgarage zu fahren. „Man kann nie wissen, was passiert“, sagt er.

Mein Notfallrucksack liegt ausgebreitet in der Wohnung. Alle zwei Jahre wird der Inhalt ja schließlich überprüft und für den Fall „Hochwasser“ brauche ich diesen nicht. Denke ich. Es regnet.

Am Treffpunkt angekommen finde ich zwei Baucontainer voller Sand und unzählige Menschen vor. Sandsäcke in Gitterkörben stehen daneben, Schaufeln und anderes Werkzeug wurden mitgebracht. Ein reges Treiben im strömenden Regen, ohne jegliche Struktur und Koordination. Doch nach kurzer Zeit und klärenden Ansagen sind alle ein eingespieltes Team.

Während ich komplett durchnässt im Container stehe und Sand in Säcke schippe, spricht mich ein Reporter an und fragt, ob ich vom Fußballverein Bad Bodendorf sei. Ich verneine die Aussage und antworte mit den Worten, dass ich Bodendorfer bin. „Wir machen das hier so, hier hilft jeder jedem.“

Gegen 19:00 Uhr sind die Container leer, und ich bin nass bis auf die Haut. Herrlich, diese warme Dusche in der Josef-Hardt-Allee. In trockenen Klamotten fahre ich einkaufen. Es regnet nicht mehr.

Um 20:45 Uhr fahre ich erneut über die Ahrbrücke im Kurgebiet und sehe auf dieser viele Menschen stehen. Ich parke mein Auto vor Neugier und treffe auf eine Bekannte. Das von mir im Container gemachte Foto des Reporters zeigt sie mir auf ihrem Handy. Ich habe es in die Zeitung geschafft. Ein toller Moment und ein kleiner Dank für all die gefüllten Sandsäcke.

Ich tausche mich mit anderen Menschen aus. Man kennt sich. Und zum ersten Mal an diesem Abend sehe ich das Ausmaß des Regens der letzten Tage mit eigenen Augen. Die Ahr, ein Bach von Fluss, rast mit enormer Geschwindigkeit und ordentlich Pegel unter der Brücke hindurch. Schweres Geäst und kleinere Baumstämme sind ihre Begleiter. Was für eine enorme Kraft Wasser doch hat.

Auf einem Handy wird mir ein Video gezeigt. Zu sehen ist ein Geländewagen inmitten der Ahr, dessen geöffneter Kofferraum in die Höhe ragt. Zwischen den Warnblinkern meine ich Menschen zu erkennen und traue meinen Augen nicht. „Das soll in Altenahr sein? Wo kommen denn bitte diese Wassermassen her? Ist das Video von einer vertrauenswerten Quelle?“ – „Ja, das ist echt. Das ist von einem sehr guten Freund von mir. Der wohnt da oben.“

Mit diversen Eindrücken und dem Essen im Gepäck geht es zurück in die Josef-Hardt-Allee. Ich berichte davon und starre in ein geschocktes Gesicht. Warum haben wir bisher nichts davon mitbekommen? Der Fernseher schweigt, das Radio ist nur noch im Auto verbaut. Soziale Medien? Davon habe ich schonmal gehört. Ist das nicht das mit den Fake-News und Likes?

Wir gehen zur Ahr, die nur 150m von der Wohnung entfernt fließt und bereits breiter geworden ist. Über das Ufer ist sie noch nicht getreten. Das Gesehene hat Eindruck hinterlassen, aber Hochwasser hatte man ja schon in den letzten Jahren. Morgen ist bestimmt wieder alles wie immer. Auf dem Weg zurück zur Wohnung hören wir das erste Mal folgende Durchsage der vorbeifahrenden Feuerwehr: „Achtung, Achtung. Wir erwarten diese Nacht ein extremes Hochwasser der Ahr.“

Müde vom Tag und den Stunden im Container liege ich um 22:30 Uhr auf dem Sofa. Die Tiefkühlpizza war sehr lecker und ich höre Musik. „Klick.“ Der Strom ist weg. „Ist bei dir hinten im Arbeitszimmer auch der Strom weg?“ – „Ja!“ – „Ok, ich schaue mir mal den Sicherungskasten an. Komisch. Der Schutzschalter und alle Sicherungen sind drin.“

Nach ein paar Minuten stehen wir mit diversen Nachbarn auf der Straße. „Ist bei euch auch der Strom weg?“ – „Ja!“ – „Ja, hier auch.“ – „Da wird bestimmt was mit dem Verteilerkasten am Ende der Straße nicht stimmen. Da kümmert sich schon jemand drum.“ – „Das denke ich auch. Aber schön, dass man sich jetzt mal persönlich kennenlernt. Wir haben uns bisher doch immer nur gegrüßt.“

Der Strom kam wieder. Doch sowohl das Internet als auch das Mobilfunknetz hatten bereits Störungen, mit etwas Glück hatte ich immer wieder mal Empfang. Bei solch einem Wetter wie in den letzten Tagen hat es mich allerdings nicht gewundert. Im Winter frieren schließlich auch die Gleise.

Um 00:50 Uhr fuhr erneut die Feuerwehr durch die Straßen und forderte die Bewohner auf der Ahrseite der Josef-Hardt-Allee dazu auf, ihre Gebäude zu verlassen. Im „Kurgarten“ gebe es weitere Informationen. Das grün-gelbliche Wasser kam aus den Straßendeckeln der Kanalisation geflossen. Doch erinnerte mich die Menge bloß an die Minuten nach einem plötzlichen Wolkenbruch.

Ein paar Minuten später bekam ich vor der Wohnung stehend die Streitereien der Nachbarn auf der anderen Straßenseite mit. Uns trennte bereits das Wasser auf der Straße, das ca. 10-15cm hochstand. Ich ging ein paar Meter die Straße weiter rauf, um das Wasser zu umgehen. Und stellte fest, dass das Niveau der Straße doch ein Gefälle aufweist in Richtung des Thermalbads.

Ich beruhigte die Nachbarin und die Familie und fragte nach dem älteren Herrn, den ich schon viele Jahre kenne. Er befand sich noch im Erdgeschoss, und niemand hat sich für ihn verantwortlich gefühlt. Ich half ihm beim Anziehen der Schuhe und bot ihm meine Hilfe an, das Haus zu verlassen. Im Vorgarten stehend stellte ich dann fest, dass das Wasser in den 15-20 Minuten bereits eine Fließgeschwindigkeit erreicht hatte, die meinem Nachbarn vermutlich die Stabilität genommen hätte.

Zum Glück kam ein Feuerwehr-LKW die Josef-Hardt-Allee entlang und konnte uns zu einem Sammelpunkt in der Nähe des Thermalbads mitnehmen. Ich rief auf die andere Straßenseite rüber, dass ich wiederkommen werde. „Ich kümmere mich nur schnell um den Nachbarn.“ – 2,5 Stunden später, um ca. 03:00 Uhr, sollte ich dann wieder in Bad Bodendorf sein.

Wir fuhren zum Sammelpunkt. Mein Nachbar kämpfte mit seinem Kreislauf und der Aufregung. Ich sprach ihm immer wieder zu, dass er jetzt in Sicherheit ist. Aus dem Feuerwehr-LKW konnte ich sehen, dass das Wasser bereits größere Müllcontainer mitgerissen hatte. Mit einer geschätzten Höhe von 40cm floss das Wasser in Richtung Wohnmobilhafen am Thermalbad. Einer der Feuerwehrleute schrie aus dem Fenster: „Wir kommen wieder!“

Um 01:30 Uhr heulten zum ersten Mal die Sirenen auf, und das blaue Licht des Feuerwehr-LKW erhellte den Sammelpunkt. Ich weiß nicht, ob diese nun wieder funktionierten oder der Alarm zum ersten Mal ausgelöst wurde. Fakt ist, dass die Gedanken an dieses Szenario inmitten der dunklen Nacht mir auch jetzt noch eine Gänsehaut bescheren und mir ganz anders wird. „Ich bleibe bei dir und gehe nicht weg. Wir warten jetzt auf den Rettungswagen, die sollten gleich hier sein.“

Über den Bodendorfer Berg ging es durch Sinzig nach Remagen ins Krankenhaus. Die Fahrt dorthin werde ich nicht vergessen. Die eingehenden Meldungen über Funk haben mich erschüttert. Auch das Gespräch des Sanitäter-Teams ging mir unter die Haut. Ich spreche nicht mehr darüber. Und die wenigen Male, die ich es getan habe, konnte ich den zutiefst traurigen Inhalt nicht wiedergeben, ohne in Tränen auszubrechen.

Um 03:00 Uhr war ich wieder in Bad Bodendorf. Ein Rettungswagen aus der Region Mayen, der wie viele andere zur Unterstützung angefordert wurde, hatte mich mitgenommen. Ich hatte Glück und kurzzeitig Empfang mit dem Handy. „Ich bin jetzt wieder in Bad Bodendorf. Kannst du mich an der Ecke Schillerstraße über den Berg holen kommen?“ – „Wieso denn da?“ – „Weil das Wasser da bereits ca. 10cm hoch fließt und ich nicht mehr kommen kann.“ – per Luftlinie über „Google Maps“ gemessen, war die Ahr zu diesem Zeitpunkt ca. 600m breit.

Über die Rückseite des Hauses ging es durch die Erdgeschosswohnung der Nachbarn nochmal zurück in die Wohnung im ersten Obergeschoss. Aus dem Fenster konnte ich mit meiner Taschenlampe auf die Straße blicken. Das Wasser floss mit ca. 1,50m Höhe durch die Josef-Hardt-Allee. Die Souterrain-Wohnung war verloren, die Bewohner in Sicherheit. Es fehlten nur noch ein paar Zentimeter bis zum Erdgeschoss.

Der Hilfe suchenden, älteren Nachbarin sagte ich noch, dass wir sie zur Notunterkunft an der Grundschule bringen. Sie solle ihre Papiere einpacken, ihre Medikamente und einen Satz Kleidung. Draußen stank es bereits sehr stark nach Öl und anderen Stoffen. Es war dunkel. Es gab keinen Strom mehr. Es rauschte bloß. Die Ahr, ein reißender Fluss der Zerstörung. Das Geräusch der zerberstenden Bäume machte mir Angst.

Wir fuhren über den Bodendorfer Berg nach Sinzig. Dort mussten wir mittlerweile einen Umweg über die B9 fahren, um die Notunterkunft auf der anderen Seite des Dorfes zu erreichen. Am Ziel angekommen, trafen wir auf viele erschütterte Menschen. Fassungslosigkeit, Angst und Traurigkeit standen den meisten ins Gesicht geschrieben. In meinem Auto habe ich neben anderen Not-Utensilien immer ein Paar frische Socken und Unterwäsche. Die Socken schenkte ich einer älteren Frau, die barfuß in der Notunterkunft saß.

Vor der Tür stand ein Notstrom-Aggregat. Daran lehnte ein Feuerwehrmann der Freiwilligen Feuerwehr Bad Bodendorf. Ein Mann wie ein Berg. Ein Guter, der einen immer mit einem Lachen im Gesicht grüßte. Doch in diesem Moment war sein Gesicht leer. Ich konnte sehen, dass er erschöpft war. Überrumpelt von all dem, was er erlebt und gesehen haben muss. Er tat mir leid. Sehr sogar.

Es wurde heller. Wir fuhren zurück auf die andere Seite des Dorfes und standen um 08:30 Uhr mit diversen Feuerwehrleuten oberhalb des Kur-Pavillons, den das Wasser zu drei Vierteln der Gebäudehöhe verschlungen hatte. Mehrere Autos standen direkt vor uns im Wasser. Manchmal blinkten die Frontlichter auf. Ein unheimlicher Moment. Und noch immer floss die Ahr mit ca. 70cm Höhe durch die Straßen.

Die Feuerwehr fuhr mit einem Rettungsboot über den überfluteten Wohnmobilhafen in der Bäderstraße. Neben mir hörte ich die Worte „Ich freue mich ob der geretteten Kuh da auf der Brücke. Das ist der Hammer!“ – Die Kuh hatte doppelt Glück. Denn neben dem festen Brückenboden unter ihren Füßen hatte ihr die Flut auch einen Baum mit grünen Blättern angespült. Die Kuh wurde in den Folgetagen lebend gerettet.

Die Souterrain-Wohnung war um 09:30 Uhr noch immer komplett überflutet. Die Sonne fing an zu scheinen und erhitzte den auf dem Bürgersteig schimmernden Ölfilm. Dessen Dämpfe stiegen mir zu Kopf und bereiteten mir Kopfschmerzen und leichte Übelkeit. Die Vögel zwitscherten, die Ahr rauschte. Und die ersten Pumpen waren zu hören. Kein gewöhnlicher Sommermorgen.

Es sollte noch ein paar Tage so bleiben, dass ich mit meinem Handy nur selten Empfang hatte. Doch immer wieder Mal kam eine Nachricht durch. Ich informierte mit kurzen Worten meinen Arbeitgeber und las eine Nachricht meiner Schwester. Ob es uns denn gut gehen würde nach dieser Flutkatastrophe, fragte sie.

Ich realisierte in diesem Moment noch gar nicht, was in dieser Nacht passiert war. Vielleicht lag es daran, dass ich bereits fast 30 Stunden wach und erschöpft war. Vielleicht war es der Schock, vielleicht waren es die vielen Eindrücke der Nacht. Es dauert noch einen weiteren Tag, bis die ersten Informationen über das Ausmaß dieser Katastrophe bei mir angekommen waren.

Ich bin von der Flutkatastrophe unmittelbar betroffen. Ich habe Erinnerungen verloren, die mir keiner ersetzen kann. Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, was noch kommen wird. Ich habe die Angst meines Nachbarn miterlebt. Ich habe in der Nacht Menschen um Hilfe schreien gehört. Und die Gesichter der Menschen gesehen. Doch ich war machtlos. Ich konnte nichts tun. Ich habe irgendwie funktioniert.

In den ersten Tagen danach ging es mir sicherlich wie vielen anderen Menschen. Zwischen Fake-News, Wut, Trauer, körperlicher und psychischer Erschöpfung mischten sich die Fragen, wie das passieren konnte und warum es keine Warnungen gab. Warum hat die „NINA“-Warnapp keinen Alarm ausgegeben? An den Tagen zuvor, an denen bereits bekannt war, was uns erwarten wird. In den Stunden zuvor? Warum haben die Sirenen nicht ausreichend früh geheult?

Ja, eine Naturkatastrophe mag grundsätzlich nicht vorhersehbar sein. Doch diese war es. Sie wurde prognostiziert. Sie wurde gemeldet. Durch das Europäische Hochwasserwarnsystem „EFAS“, den Deutschen Wetterdienst und über andere Kanäle. Doch es passierte nichts. Man entschied sich, nichts zu tun. Erst als es zu spät war, wurde mit blindem Aktionismus gehandelt.

Es mag sein, dass manche Menschen über soziale Medien, Freunde oder Bekannte gewarnt worden sind. Dass ihnen gesagt wurde, sie sollen vorsichtig sein. Aber ich spreche sicherlich nicht nur für mich, wenn ich sage, dass dies die Aufgabe öffentlicher Instanzen ist. Doch genau diese Meldungen kamen für viele Menschen zu spät. Viele Leben hätten bewiesenermaßen gerettet werden können.

Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf das Fehlverhalten der zuständigen Instanzen eingehen. Auf die Tatsache, dass sich nicht falsch entschieden wurde, sondern dazu, viele Stunden lang nichts zu tun. Dem bisherigen Ermittlungsstand nach ist genau das passiert. Die Gründe dafür sind mir und der Öffentlichkeit nicht bekannt. Ich wünsche mir sehr, dass diese ermittelt werden können. Zugleich hoffe ich aber auch, dass mich diese nicht in menschliche Abgründe blicken lassen werden.

Ich habe die Flutgespräche bis heute niemandem aufgezwungen. Doch wenn mich jemand gefragt hat, was ich erlebt habe und wie es mir nun geht, erzähle ich darüber. Ich erzähle über meine Erlebnisse in der Nacht, über die Tage und Wochen danach. Darüber, dass ich auch ein Jahr nach der Katastrophe tagtäglich an diese erinnert werde.

Es ist wichtig, darüber zu reden. Für das eigene Seelenheil. Es ist eine Form der Psycho-Hygiene. Und viele Menschen haben vermutlich bis heute dieses Trauma nicht verarbeiten können. Ich wünsche mir für jeden Betroffenen, dass ihm zugehört wird. Und dass weiterhin über diese Katastrophe gesprochen wird. Das Geschehene darf nicht vergessen werden.

Zudem wünsche ich mir, dass auch an die Kinder, Jugendlichen und Tiere gedacht wird. Wenn ich spüre, wie sehr mich das Erlebte belastet und immer wieder zum Weinen bringt, frage ich mich, was solch eine unschuldige Seele erlebt haben muss. Und vielleicht nicht begreifen und zu Wort bringen kann, was sie belastet. Dieses Wissen zerreißt mir das Herz. Ich wünsche mir, dass ihnen geholfen wird. Dass ihren Worten, Bildern oder Verhaltensweisen Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Wenn ich lachende Kinder auf den Straßen sehe, freue ich mich, dass sie ihr Leben nicht in der Flut verloren haben und es ihnen und ihren Familien augenscheinlich gut geht. Ich fange oft an zu weinen und es verschlägt mir kurzzeitig die Sprache. Doch nicht jedes Kind, nicht jede Familie hatte dieses Glück. Und just in diesem Moment habe ich wieder die Tränen in den Augen. Ich werde diese Gedanken nicht mehr los. Ich möchte laut schreien und all das ungeschehen machen.

Nach einem Jahr habe ich mir das gesamte Ausmaß der Katastrophe entlang der Ahr noch nicht angesehen. Weiter als bis Dernau bin ich nicht gekommen. Ich wollte es nicht. Ich wollte meine Seele nicht noch mehr damit belasten. Doch immer wieder sehe ich Fotos und Videos in den Medien. Von all den zerstörten Häusern, Existenzen, Leben. Und dann blicke ich weg.

Ich möchte versuchen, für andere Betroffene da zu sein. Ihnen Gehör zu geben oder meine Stimme für sie sprechen zu lassen. Deswegen fasse ich meine Gedanken in diese Worte. Das kostet mich viel Kraft und belastet mich. Doch ich erhoffe mir, dass es mir dadurch besser gehen wird. Das wünsche ich mir und den vielen anderen Menschen, die ebenso denken und handeln.

Ich wünsche mir, dass wir Menschen im Ahrtal nicht wieder auseinanderrücken. Die Flutkatastrophe hat uns zusammengebracht. Nach den vielen Monaten der Corona-Isolation. Wir müssen weiterhin zusammenhalten. Füreinander da sein, aufeinander Acht geben. Wir müssen miteinander sprechen. Wie viele Menschen kennen ihre Nachbarn nicht? Wie viele Menschen grüßen sich auf der Straße nicht mehr. Das ist traurig.

Dankbarkeit. Dankbar sein. Ich bin dankbar. Dafür, dass meine Familie und Freunde diese Katastrophe überlebt haben. Viele von ihnen haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren, manche um ihr Leben gekämpft. Und sie kämpfen bis heute noch mit den Behörden, der Trauer und der Verzweiflung. Manche von ihnen haben Freunde verloren, manche einen Teil ihrer Lebensfreude und die Zuversicht.

Ich bin dankbar für all die Menschen, die uns geholfen haben. Für meine Arbeitskollegen, für meinen Chef und seine Frau. Für den „Kaffee-Engel“ am dritten Morgen nach der Katastrophe, der mir einen heißen Kaffee beschert hat. Ich weiß nicht, wer du bist. Aber ich werde dich nicht vergessen. Du glaubst nicht, wie glücklich mich deine einfache Frage „Kaffee?“ gemacht hat. Und auch jetzt wieder habe ich Tränen der Freude in den Augen.

Ich bin dankbar dafür, dass das Leben für mich weiter geht. Obwohl ich diese Floskel nicht mehr hören kann, ist so viel Wahres an ihr dran. Das Leben geht weiter, ja. Aber es hat sich für mich geändert. In sehr vielen Hinsichten. Ich spüre, wie mich das unbewusste Handeln von Menschen wütend werden lässt. Genauso das bewusste Fehlverhalten von Menschen.

Ich versuche, positiv in die Zukunft zu blicken. Doch schaue ich mich um, sehe ich zu viele schlechte Dinge auf dieser Welt. Und diese rücken immer näher. Ich erfreue mich an den schönen Dingen im Leben. An den Vögeln im Garten, an der Möglichkeit, ausgiebig Sport zu machen oder an gutem Essen. Doch ich weiß, dass es vielen Menschen schlechter geht als mir. Und auch das belastet mich.

Ich weiß nicht, wie du dich fühlst, wenn du diesen Text gelesen hast. Vielleicht habe ich etwas in dir getriggert. Vielleicht bist du nun wütend, weil es dir schlechter ergangen ist als mir. Weil du alles verloren hast. Vielleicht bist du der Meinung, dass dieser Text nicht notwendig ist. Doch für mich ist er es. Und vielleicht hilft er ja auch dir bei der Bewältigung und Verarbeitung deiner Erlebnisse. Ich könnte noch mehr meiner Gedanken zu Wort bringen. Doch ich spüre, wie sich nun die Energiereserven meiner Psyche dem Ende neigen.

Die Nacht, als die Flut kam

Am 14.07.2022 jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum ersten Mal. Und es belastet mich immer noch sehr, was in meiner Heimat passiert ist. Immer wieder erinnere ich mich an die Nacht der Katastrophe und die Wochen danach, an all das, was ich erlebt habe. Und dann muss ich darüber reden, das Erlebte rauslassen. Selten sehe ich mir die unzähligen Berichte und Videos an, das verträgt meine Seele nicht. Noch nie habe ich darüber geschrieben.

Doch am 06.07.2022 habe ich die Dokumentation „Die Nacht, als die Flut kam“ (zu finden in der ARTE-Mediathek) gesehen. Sie ist nichts für schwache Nerven. Sie erklärt und sie deckt auf. Sie macht wütend und traurig zugleich. Deswegen schreibe ich diese Worte und möchte sie teilen.

Danke an ARTE, danke an alle freiwilligen und professionellen Helferinnen und Helfer, die selbst heute noch im Ahrtal zu finden sind. In Gedenken an alle Opfer und ihre Angehörigen und in Gedanken an alle Überlebenden möchte ich dazu aufrufen, die Augen zu öffnen. Zu sehen, dass es längst überfällig ist, etwas zu ändern.

Damit kann und muss jeder bei sich selbst anfangen. Innerhalb eines lokalen und nationalen Rahmens, den die Politik über Jahre hinweg versäumt hat zu stecken. Dabei mangelte es nie an Offensichtlichem, auch heute nicht.

Mein Bahnhof

Mein Kopf ist ein Bahnhof. Und täglich fahren Züge ein. Manche sind auf der Durchreise, andere verweilen auf dem Abstellgleis. Sie benötigen Aufmerksamkeit und Pflege. Neue Energie. Manche werden wieder an Fahrt aufnehmen, andere vielleicht nie wieder. Mein Kopf ist mein Bahnhof. Und täglich fahren Züge ein. Doch ich stelle die Weichen, damit es nicht dieselben sind.

Auf ein Neues

Am Ende eines Jahres blicken wir zurück auf das, was war. Wir reflektieren unsere Taten, formulieren unsere guten Vorsätze und starten im Kreis der Liebsten in das neue Jahr. Wir wünschen uns Glück, Gesundheit und alles Gute.

Doch ehe man sich versieht, verpuffen diese Wünsche, und wir finden uns in alten Mustern wieder. Die Gründe dafür können sehr vielfältig sein. Der Alltag, die Bequemlichkeit, fehlende Ressourcen – und oft haben wir selbst keinen oder nur einen schwindend geringen Einfluss darauf.

Doch worauf wir Einfluss haben, ist das Ich. Wir können uns selbst Aufmerksamkeit und Zeit schenken. Zwei sehr wichtige Aspekte der Ich-Gesundheit, die in der Hektik des leistungsorientierten Alltags sehr schnell untergehen.

Doch das Ich kann nur dann sein, wenn es auch ein Du und das Wir gibt. Jedes Ich ist ein Teil vom Wir. Akzeptanz, Hilfsbereitschaft, Respekt, Toleranz und Zusammenhalt sind die Fundamente der Menschheit und sollten weiterhin auch die unserer Gesellschaft sein.

Besonders das Jahr 2020 hat mir gezeigt, wie wichtig dieses Bewusstsein und diese Sichtweise sind. Für mich selbst und unsere Gesellschaft. Und trotz all der schrecklichen Ereignisse, der abscheulichen Taten und der bewussten Zerstörung unseres Planeten glaube ich weiterhin an das Gute in jedem Ich.

Ich wünsche mir für jedes Ich ein gesundes Maß an Entschleunigung, die Fähigkeit zu verzichten und vor allem Zufriedenheit für das kommende Jahr.

Lasst uns alle an dem festhalten, was uns ausmacht.

Die Brücke

Glück. Eine emotionale Brücke zwischen Freude und Trauer. Eine Brücke, die der Ausgeglichenheit dient. Doch wann beginnt der Bau dieser Brücke? Und ist es wichtig oder gar für mein gesamtes Leben entscheidend, auf welcher Seite ich mich zu Baubeginn befinde?

Glück. Eine emotionale Brücke zwischen Freude und Trauer. Eine Brücke, die ich regelmäßig überquere. Sie musste viele, teils schwere Lasten tragen. Doch wie lange hält sie diesen Lasten noch stand? Kann ich allein für die Wartung und Tragfähigkeit verantwortlich sein?

Glück. Meine emotionale Brücke zwischen Freude und Trauer. Meine Brücke, die ich allein geschaffen habe. Sie trägt mich und meine Lasten seit vielen Jahren. Ich bin dankbar für alles, was mich diese Brücke bauen ließ. Dankbar für alles, was diese Brücke aufrechterhalten wird.

Herzblick

Auch mit verschlossenen Augen, muss ich sehen. Alles liegt im Auge des Betrachters, doch wer betrachtet wen.

Auch mit offenen Augen, lasse ich mich blenden. Mit dem Herzen sehen, lässt die Verblendung enden.

Das Buch des Lebens

Das Leben. Ein Buch mit leeren Seiten, die wir täglich neu beschreiben. Kapitel für Kapitel blättern wir zurück und lesen, was war. Doch Einfluss auf den Klappentext haben wir nicht. Umso wichtiger ist es, dass wir den Inhalt verzeichnen. Bevor die Zeit den Einband zerfallen lässt.

Spiegelbild

Facetten der Vergangenheit. Relativität. Was ich sehe, ist ein Konstrukt von Zeit und Raum. Eine Reise auf dem Ozean. Auf der Suche nach Antworten, rücke ich aus dem Mittelpunkt. Die Entfremdung meiner selbst. Ich schließe die Augen, der Gedankensturm tobt. Disposition.

Illusion und Wirklichkeit, eine Frage meiner selbst. Eine Frage meines Standpunkts auf diesem schmalen Grat. Kontingenz. Distanzierung und Empathie. Ich muss loslassen, doch ich halte fest. Angst, Verzweiflung und Zwang.

Ich öffne die Augen. Ich atme, ich spüre mich. Ich bin da, genau jetzt. Reflexion. Der Sturm legt sich. Ich konstruiere neu, ich gewinne. Denn ich werde mich selbst besiegen.

Animals‘ Angels

Dieses Jahr habe ich mir ein besonderes Weihnachtsgeschenk gemacht. Als Fördermitglied unterstütze ich ab Anfang 2018 die Fachorganisation „Animals‘ Angels“ bei ihrer Arbeit.

Der „Animals‘ Angels-Film“ zeigt, welches Leid viele Tiere Tag für Tag auf den Straßen Europas über sich ergehen lassen müssen. Um im Anschluss der Reise auf meist qualvolle und unwürdige Weise getötet zu werden.

Den Transport von Tieren gänzlich zu verbieten, ist auch für mich als Vegetarier und Tierfreund ein großer Wunsch.

Bis dieser in Erfüllung geht, kann ein jeder von uns das Leid der Tiere lindern. Ich habe nun damit begonnen.